
US-Präsident Donald Trump verwendet gerade viel Zeit und politischen Aufwand, um eine Lösung im Ukrainekrieg zu erreichen. Von europäischer Seite sieht man das einerseits kritisch, andererseits aber auch positiv, weil man endlich das teure Sterben in der Ukraine beenden will. Was viele Beobachter und Analysten dabei aber gerne übersehen ist, dass die Trump Administration in dieser Frage einen größeren geopolitischen Plan verfolgt. Es geht nicht primär um die Ukraine und auch nicht primär um diesen Krieg. Präsident Trump verfolgt in seinen Bemühungen zur Beendigung des Ukrainekriegs nämlich wohl eine Strategie, die an historische geopolitische Manöver erinnert: Er strebt an, Russland aus der Allianz mit China zu lösen, um die beiden großen Landmächte zu spalten – ein Ansatz, der Parallelen zur Politik von US-Präsident Richard Nixon aufweist, der in den 1970er Jahren eine Annäherung an China suchte, um die Sowjetunion zu isolieren. Damals gelang es Nixon, durch seine historische Annäherung an die Volksrepublik China, die beiden kommunistischen Titanen – die Sowjetunion und China – zu entzweien und schwächte damit die sowjetische Machtbasis und verschob das globale Gleichgewicht zugunsten der Vereinigten Staaten.
Diese Taktik erinnert zudem auch an das „Great Game“ des 19. Jahrhunderts, bei dem das Britische Empire und das Russische Reich um die Vorherrschaft in Zentralasien rangen. Der britische Geograph Halford Mackinder entwickelte in diesem Zusammenhang die „Heartland-Theorie“, die besagt, dass die Kontrolle über das eurasische Kernland („Heartland“) der Schlüssel zur globalen Dominanz sei. Wenn Trump nun die zwei Landmächte des eurasischen Heartlands – Russland und China – wieder auseinander dividieren möchte, dann ist das klassische Großmacht- und Bündnispolitik. Trump könnte in der Ukraine eine ähnliche geopolitische Wende wie Nixon und Kissinger anstreben, indem er Russland mit wirtschaftlichen Anreizen, Sicherheitsgarantien oder einer Lockerung der Sanktionen von Peking weglockt, um den Konflikt in der Ukraine zu deeskalieren. Diese Strategie wollen wir nun analysieren!

Mackinders These
Dieser Ansatz zu Trumps Politik gegenüber Russland gewinnt an Tiefe, wenn man ihn durch die Linse von Halford Mackinders alter geopolitischer Theorie betrachtet, die im Zentrum des sogenannten „Great Game“ steht. Mackinder argumentierte in seiner Heartland-Theorie, dass derjenige, der die zentrale Landmasse Eurasiens – das sogenannte Heartland – kontrolliert, die Welt beherrscht. „Wer Osteuropa beherrscht, kommandiert das Heartland; wer das Heartland beherrscht, kommandiert die Weltinsel; wer die Weltinsel beherrscht, kommandiert die Welt“, lautet sein berühmtes Diktum. Der Ukrainekrieg ist in diesem Kontext nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern ein Kampf um die Kontrolle über Osteuropa, den Zugang zum Heartland und damit um die Vorherrschaft in Eurasien. Nimmt man auch noch Taiwan dazu und das wachsende chinesische militärische Drohpotential, schließt sich das geopolitische Bild. Der Westen gruppiert sich hier an den Grenzen des Heartlands in Europa und im Fernen Osten (Taiwan, Korea, Japan).
In diesem Kontext könnte Trumps Strategie, Russland aus der Allianz mit China zu lösen, als Versuch gesehen werden, das geopolitische Gleichgewicht etwas zu beeinflussen, indem er die Beziehungen zwischen den beiden eurasischen Großmächten neu ordnet. Durch die Schwächung dieser Allianz könnte er die US-amerikanische Position stärken und das globale Machtgefüge zu Gunsten der USA verschieben. Freilich ist Trump aufgrund seiner diplomatischen Unerfahrenheit, wie seiner offensichtlichen Bewunderung für Putin aber wohl gerade dabei, Russland viel zu viele Konzessionen zu machen. Zumindest scheint das so, wenn man aktuelle Wortmeldungen verfolgt.
Russlands Bündnis mit China stärkt aktuell seine Position im Heartland, da es wirtschaftliche und militärische Unterstützung aus Peking erhält. Trump könnte jedoch versuchen, diese Achse zu durchbrechen, indem er Russland ein wirtschaftliches Angebot macht, das es unabhängiger von China werden lässt – etwa durch Zugang zu westlichen Märkten oder einer Beendigung der NATO-Osterweiterung als Verhandlungsmasse. Dies würde nicht nur den Druck auf die Ukraine verringern, sondern auch Chinas wachsende Dominanz in Eurasien etwas eindämmen, was Mackinders Warnung vor einer vereinten eurasischen Machtblase entspräche.
Die Herausforderungen bei dieser Strategie
Allerdings birgt dieser Ansatz Risiken. Die Bereitschaft, der Ukraine territoriale Zugeständnisse abzuverlangen, stößt international zurecht auf eine gewisse Kritik, vor allem in Europa, und würde wohl überall als Belohnung für aggressive Expansion wahrgenommen werden. Zudem ist unklar, ob Russland tatsächlich bereit wäre, seine strategische Partnerschaft mit China aufzugeben, insbesondere angesichts der gemeinsamen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen. Außerdem könnte Trump im Eifer abzuschließen, als Makler zu großzügig agieren und einem kriegsbereiten Russland eine zu große Einflusszone wie einen Rückbau der NATO einräumen.
Andererseits ist Russland in den letzten Jahren wirtschaftlich und strategisch zunehmend auf China angewiesen, insbesondere seit Beginn des Ukrainekriegs 2022 und der darauffolgenden westlichen Sanktionen. China wiederum profitiert von diesem geschwächten Russland, das ihm als Juniorpartner in einer antiwestlichen Koalition dient und gleichzeitig Zugang zu billigen Rohstoffen bietet. Die Russen verstehen ihren relativen Abstieg und wären daher wohl empfänglich dafür, sich wieder mit europäischen Mächten zu einigen. China ist ein ungeliebter revisionistischer Partner.
Trump könnte versuchen, diese Abhängigkeit wirtschaftlich wieder zu durchbrechen, indem er Russland attraktive Alternativen anbietet: eine teilweise Aufhebung der Sanktionen sowie wirtschaftliche Kooperation mit dem Westen. Damit würde er potentiell nicht nur den militärischen Druck auf die Ukraine reduzieren, sondern auch Chinas wachsende Dominanz in Asien und darüber hinaus eindämmen – ein Schachzug, der die globale Ordnung nachhaltig beeinflussen könnte.
Die Ukraine liegt an der Schnittstelle zwischen dem westlichen Europa und dem östlichen Heartland, einer geopolitischen Drehscheibe, deren Kontrolle weitreichende Konsequenzen hat. Russlands Invasion war nicht nur ein Versuch, die Ukraine unter seine Kontrolle zu bringen, sondern auch ein strategisches Manöver, um die westliche Einflusssphäre zurückzudrängen und die eigene Position im Heartland zu festigen. Gleichzeitig hat die Allianz mit China Russland ermöglicht, trotz westlicher Isolation wirtschaftlich und militärisch handlungsfähig zu bleiben. China wiederum nutzt diese Partnerschaft, um seine eigene Stellung als globale Supermacht auszubauen und seine „Neue Seidenstraße“-Initiative voranzutreiben, die ebenfalls auf die Kontrolle über Eurasien abzielt.
Trotz der geopolitischen Eleganz dieser Strategie gibt es erhebliche Herausforderungen. Russland hat sich in den letzten Jahren immer stärker an China angenähert, insbesondere aus wirtschaftlichen Gründen. China ist einer der wichtigsten Abnehmer russischer Rohstoffe und bietet eine wirtschaftliche Lebensader, die es Moskau ermöglicht, westliche Sanktionen zu umgehen. Wäre Putin also überhaupt bereit, sich von China zu distanzieren, nur um mit Trump einen Deal auszuhandeln?
Schließlich bleibt auch unklar, ob China einfach zusehen würde, wie die USA versuchen, Russland abzuwerben. Peking könnte mit eigenen Gegenangeboten reagieren oder seine Partnerschaft mit Moskau weiter vertiefen, um einer amerikanischen Spaltungsstrategie entgegenzuwirken.
Szenario
Trumps Plan, Russland aus dieser Achse zu lösen, würde dieses Szenario durchkreuzen. Indem er Russland ein Angebot macht, das es unabhängiger von China werden ließe, könnte er nicht nur den Ukrainekrieg entschärfen, sondern auch die langfristige Bedrohung durch eine eurasische Supermacht abwenden. Die Parallelen zu Nixons Strategie sind unübersehbar: Damals nutzte Nixon die Spannungen zwischen China und der Sowjetunion, um Peking aus der sowjetischen Umklammerung zu lösen; heute könnte Trump die wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten zwischen Russland und China ausnutzen, um Moskau in Richtung Westen zu ziehen. Ein solcher Schritt würde erfordern, dass Trump Putin überzeugt, dass eine Annäherung an die USA mehr Vorteile brächte als die Fortsetzung der Partnerschaft mit Xi Jinping. Denkbar wären hier etwa die Wiederaufnahme Russlands in internationale Handelsstrukturen, ein Ende der Isolationspolitik oder gar eine stillschweigende Duldung russischer Einflusssphären in Teilen Osteuropas – allerdings ohne die Ukraine vollständig aufzugeben.
Doch wie realistisch ist ein solcher Plan? Die Herausforderungen sind enorm. Zum einen hat Putin in den letzten Jahren immer wieder betont, dass er dem Westen misstraut, insbesondere den USA, die er als Hauptarchitekten der NATO-Erweiterung und der Sanktionspolitik sieht. Ein Angebot von Trump müsste daher äußerst überzeugend sein, um dieses Misstrauen zu überwinden. Zum anderen könnte China kaum tatenlos zusehen, wie sein wichtigster Verbündeter im Heartland abtrünnig wird. Peking könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren, etwa durch wirtschaftlichen Druck oder einer Verstärkung seiner militärischen Präsenz in Zentralasien. Zudem bestünde die Gefahr, dass eine Annäherung an Russland von den westlichen Verbündeten der USA – insbesondere in Europa – als Verrat an der Ukraine und den gemeinsamen Werten interpretiert werden würde.
Kritiker könnten einwenden, dass eine solche Strategie Risiken birgt. Eine Stärkung Russlands durch eine Lockerung der Sanktionen oder eine stillschweigende Anerkennung seiner Interessen in Osteuropa könnte langfristig neue Spannungen mit dem Westen schüren. Ebenso könnte China, einmal von Russland isoliert, aggressiver auf andere Weise reagieren, etwa durch eine Intensivierung seiner Expansionspolitik im Indopazifik. Doch im Geiste des Great Game wäre Trumps Plan ein kühner Versuch, die Machtverhältnisse in Eurasien neu zu ordnen und die Waage zugunsten der USA zu kippen. Wie Mackinder es formulieren könnte: Wer die Fäden in Osteuropa zieht, hält den Schlüssel zur Welt in der Hand – und Trump scheint entschlossen, diese Fäden in seine Hände zu bekommen. Gelänge ihm dies, würde das nicht nur den Ausgang des Ukrainekriegs bestimmen, sondern auch die geopolitische Landschaft des 21. Jahrhunderts prägen.
Fazit
Trumps Ansatz im Sinne des Great Game könnte somit diplomatisch ein genialer Schachzug werden. Mackinder betonte, dass die Kontrolle über das Heartland nicht nur eine Frage der rohen militärischen Macht sei, sondern auch der Fähigkeit, Allianzen zu schmieden und Gegner zu spalten. Indem er Russland und China entzweit, würde Trump nicht nur den unmittelbaren Konflikt in der Ukraine entschärfen, sondern auch die langfristige strategische Position der USA und Europas stärken. Die Weltinsel – das zusammenhängende Landmassengebiet von Europa, Asien und Afrika – bliebe so vor der Dominanz einer einzigen Macht geschützt, und die USA könnten ihre Rolle als globale Ordnungsmacht festigen.
Die Herausforderungen für Europa sind in jedem Fall immens. Russlands wirtschaftliche Abhängigkeit von China, Europas Widerstand gegen eine Schwächung der Ukraine und Chinas eigene geopolitischen Ambitionen könnten Trumps Plan zum Scheitern bringen. Letztendlich bleibt abzuwarten, ob ein solches geopolitisches Manöver in der heutigen komplexen Weltordnung noch realisierbar wäre oder lediglich ein Wunschdenken eines ehemaligen Präsidenten bleibt.
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